Liken heißt nicht wissen: Drei Thesen zur Filterbubble-Krise

Trolle, Trump und Filterblasen: Lassen sich einige Leute gar nicht mehr mit Journalismus erreichen? Zur Social Media-Krise nach der US-Wahl.

1. Soziale Medien sind prismafaktisch.

Das Wort „postfaktisch“ reicht nicht aus, um zu beschreiben, was in den sozialen Medien passiert. Millionen von Nutzern feuern auf Facebook, Twitter und Instagram ihre Meinung ab. Dazu gehören neben echten Leuten auch bezahlte Klickarbeiter und Propagandisten, Trolle, Hater und Social Bots. Einige schreiben aus Überzeugung, andere weil sie gern widersprechen. Wieder andere einfach nur, weil sie es können. Die Faustregel lautet: Alles, was irgendwie denkbar ist, hat irgendjemand ins Netz geschrieben. Durch Hashtags und Trending Topics wird alles sofort sichtbar, findbar und statistisch auswertbar. Die Wahrheit im Web 2.0 fächert sich auf wie das Licht in einem Prisma: x-fach gebrochen in alle Farben. Das einfach nur „pluralistisch“ zu nennen, wäre nicht zynisch genug. Das einfach nur „postfaktisch“ zu nennen, wäre nicht krass genug. Die Vielfalt in den sozialen Medien ist mehr als eine bloße Überwindung von Fakten: Sie ist die monströse Multiplikation von Informationen. Sie ist prismafaktisch.
 


 

2. Liken heißt nicht wissen.

Wer über Fakten in den sozialen Medien spricht, gehört schon zur Filterblase von Leuten, die gerne über Fakten sprechen. Auf Facebook gibt es einen „Like“-Button, keinen „True“- oder „False“-Button. Auf Twitter und Instagram drückt man ein „Herz“ und kein „Gehirn.“ Beim Liken und Herzen in den sozialen Netzwerken geht es nicht darum, Dinge für wahr oder falsch zu befinden. Der Feed trennt nicht zwischen News, Satire, Propaganda und den neusten Urlaubsfotos. Er ist ein Sammelsurium, das Spaß machen soll. Die Unterscheidung lautet „Gefällt mir/ Gefällt mir nicht“. Dabei können Hirngespinste und Fakes genauso gefallen wie harte Fakten. Schließlich fragt Facebook nicht: „Ist es denn auch vernünftig, das dir das gefällt?“ Fakten sind ein nettes Feature für alle, denen Fakten sowieso gefallen.
 


 

3. Es gibt kein außerhalb der Bubble.

Filterblasen lassen sich nicht vom Standpunkt des unabhängigen Beobachters kritisieren. Die Frage nach der journalistischen Qualität des Newsfeeds gehört genauso zur Medienbubble wie die Überzeugung, dass Nachrichten und Meinung getrennt werden sollten. Wahrscheinlich stellen sich auch nur Medienmacher die Frage, inwiefern Facebook ein „publizistisches Medium“ ist. Für die meisten Nutzer ist Facebook einfach Facebook: Man scrollt da durch und liket Sachen. Selbst wer die Gefällt-mir-Logik der sozialen Medien hinterfragt, kann seine Filterblase nicht verlassen. In der US-Wahlnacht gab es in meinem Feed nicht nur Artikel über Hillary Clintons hervorragende Chancen auf den Sieg. Es gab auch spöttische Artikel über Donald Trump, die sich später als Falschmeldung herausgestellt haben. Einige Falschmeldungen habe ich sogar gedankenverloren selbst geliked. Sie hatten mir einfach gefallen.

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Sebastian Meineck
Schreibt am liebsten über Netzkultur, digitale Gesellschaft, Social Media. Autor für SPIEGEL ONLINE Netzwelt und Bayerischer Rundfunk. Twittert als @SebMeineck. Mehr via Torial.com.

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