Beruf: Maurerin! – Was Handwerkerinnen an ihrer Arbeit lieben

Die meisten Handwerker in Deutschland sind Männer. Bei Maurer- und Elektroniker-Azubis liegt die Frauenquote sogar unter zwei Prozent. Vier Frauen erzählen, was sie an ihrer Arbeit in einer Männerdomäne begeistert.

Insgesamt gibt es im Handwerk etwa 364 000 Azubis – nur ein Fünftel davon ist weiblich. Viele Frauen wählen Berufe  wie Friseurin, Bäckerei-Fachverkäuferin oder Kauffrau für Büromanagement. In Männerdomänen wagen sich nur wenige.

Einen Grund für das Desinteresse benennt das Deutsche Handwerksinstitut in einem Bericht: In vielen Männerdomänen sei es schwer, in Teilzeit zu arbeiten. Das könne die Berufe für viele Frauen unattraktiv machen. Viele Schulabsolventinnen interessieren sich auch gar nicht erst fürs Handwerk, heißt es weiter. Befragt wurden junge Frauen, die nach der Schule eine Ausbildung anstreben. Nur jede Zehnte könne sich einen gewerblich-technischen Beruf vorstellen. Es braucht einen „Kulturwandel in den Betrieben“,  folgert  das  Institut – und  mehr Geschichten  über Frauen, die in einer Männerdomäne arbeiten.

Juliane Mittermeier, geboren 1994

arbeitet in München als Elektronikerin für Energie- und Gebäudetechnik | Frauenquote: 1,7 %*

j-m-handwerkerinnen„Jeden Tag am selben Ort dieselbe Arbeit machen, das könnte ich nicht. Ich bin halt nicht der Mensch, der nur am PC sitzen kann. Als Elektronikerin bin ich den ganzen Tag unterwegs und fahre von Baustelle zu Baustelle. Viele können sich nicht vorstellen, wie daraus eine fertige Wohnung wird. Aber ich komme gegen Ende, wenn der Maler schon da war, und kann die fertige Wohnung sehen. Am  liebsten mache ich Fertigmontage, das ist die entspannendste und sauberste Arbeit: Steckdosen und Schalter einbauen, Abdeckungen draufschrauben. Staubig und laut ist meine Arbeit, wenn wir im Mauerwerk Leitungen verlegen. Ich schneide die Mauer zuerst mit der Schlitzfräse ein, dann schlage ich mit dem Stemmhammer Stücke heraus. Dabei trage ich Ohrenschützer, manchmal auch eine Staubmaske. Mit der Schlitzfräse zu arbeiten ist nicht leicht. Man muss dabei mehrere Knöpfe gleichzeitig drücken, zur Sicherung und zur Bedienung. Das können Männer mit größeren Händen besser. Manchmal wundern sich Kunden, dass ich als Frau so einen Job mache. Aber mir ist das egal. Jeder macht, was er gerne will.“

Julia Obermaier, geboren 1998

arbeitet in Forstern, Bayern als Maurerin | Frauenquote: 0,6 %*

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„Baustellen kenne ich, seit ich ein Kind bin. Mein Vater ist Maurermeister und hat eine Baufirma. Früher bin ich immer mit dem Lkw mitgefahren und habe mir die Baustellen angeschaut. Jetzt werde ich Maurerin, um eines Tages die Firma zu übernehmen. Wenn ich selbst Maurerin bin, weiß ich später auch genau, was meine Mitarbeiter machen. Einige Aufgaben der Ausbildung sind körperlich echt anstrengend. Manchmal packen die anderen Azubis die Mörtelschubkarre besonders voll, dann muss die jemand anderes für mich übernehmen. Es ist auch anstrengend, wenn wir mit Tempo reihum die Steine für eine Mauer weiterreichen. Aber mit der Zeit baue ich immer mehr Muskeln auf, das merkt man total. Am lautesten ist bei meiner Arbeit vielleicht die Rüttelplatte. Das ist eine Baumaschine, mit der man ein Fundament aus Kies und Sand verdichtet. Wenn man nicht mit der Rüttelmaschine über ein Fundament geht, kann das später mal absinken. Oft fragen mich die Leute verwundert, warum ich einen Männerberuf mache. Vielleicht auch, weil ich so zierlich bin. Auf der Baustelle wurde ich auch schon einmal irritiert gefragt, was ich hier mache. Ob ich das überhaupt darf. Und das, obwohl ich meine Arbeitskleidung anhabe! So was lasse ich mir nicht gefallen. Aber wenn die Kollegen mit der Zeit merken, dass ich gut bin, nehmen die mich auch ernst.“

Pia Kinde, geboren 1997

hat in Hamburg als Mechatronikerin für Kältetechnik gearbeitet | Frauenquote: 1,9 %*

p-k-handwerkerinnen„Eigentlich wollte ich Rettungssanitäterin werden, aber ich war noch zu jung dafür. Dann habe ich die Ausbildung zur Mechatronikerin begonnen. Eines der schönsten Projekte war, als ich einen Getränkekühler bauen sollte. Ich habe das mit einem anderen Azubi gemacht, dafür hatten wir zehn Tage Zeit. Wir mussten selbst einen Schaltplan und einen Kältekreislauf zeichnen, Kosten kalkulieren, Einzelteile besorgen, elektrisch verdrahten und alles in der richtigen Reihenfolge zusammenlöten. Das Ergebnis war ein Metalltopf, seine Innenwände waren mit Kupferspiralen durchzogen. Das Kühlmittel ist durch die Spiralen geflossen. Der Topf war etwa 30 Zentimeter breit, also ein Sixpack hätte hineingepasst. Der Alltag einer Mechatronikerin für Kältetechnik sieht aber anders aus: Klimaanlagen warten, Filter prüfen, Temperaturen messen. Die Arbeit hat mir gefallen, aber ich habe die Ausbildung nach einem Jahr abgebrochen. In der Berufsschule gab es zu viel Mathe, das war nichts für mich. Nun werde ich doch noch Rettungssanitäterin, danach will ich Notfallsanitäterin werden. In diesem Job kann ich sogar Menschenleben retten.“

Nadine Hechemer, geboren 1996

arbeitet in Köln als Stuckateurin | Frauenquote: 2,5 %*

n-h-handwerkerinnen„Die beste Zeit am Tag ist nach dem Frühstück und vor dem Mittagessen. Da schafft man am meisten. Los geht es um sieben auf der Baustelle. Am anstrengendsten sind Putzarbeiten, wenn ich zum Beispiel den Putzsack auf der Schulter tragen muss. Dazu kommt der Zeitdruck, denn der Putz wird schnell fest und muss schnell verarbeitet werden. Ich dachte vorher, die Arbeit ist körperlich weniger belastend. Aber am Ende kommt es auf den Willen an. Ich hatte vor der Ausbildung ein halbes Jahr lang Architektur studiert, das Studium dann aber abgebrochen. Das war nichts für mich. Ich wollte für meine Arbeit entlohnt werden. Im Studium habe ich nichts bekommen, in der Ausbildung bekomme ich ein Gehalt. Noch interessanter als Putzarbeiten finde ich Stuck. Leider gibt es so was heute in neuen Bauten nicht mehr. Aber in meinem eigenen Haus will ich später Stuck anbringen. Im Baumarkt kann man fertige Stuckleisten aus Plastik kaufen. Doch ich weiß, wie man so was selbst von Hand aus Mörtel fertigt. Auf Dauer handwerklich arbeiten will ich aber nicht. Ich glaube, da bin ich als Frau nicht so belastbar. Später will ich gern Bauleiterin werden. Oder an der Berufsschule unterrichten und Schülern weitergeben, was ich gelernt habe.“

*Quelle: Zentralverband des Deutschen Handwerks, Lehrlingsbestand 2015 | Header: TiBine via Pixabay (CC0) | Porträts: Privat

Hier gibt es das ganze Buch: „Because it’s 2016“ – Ein Projekt der Vodafone Stiftung in Kooperation mit der Deutschen Journalistenschule.

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Sebastian Meineck
Schreibt am liebsten über Netzkultur, digitale Gesellschaft, Social Media. Autor für SPIEGEL ONLINE Netzwelt und Bayerischer Rundfunk. Twittert als @SebMeineck. Mehr via Torial.com.

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