Die Kindermädchen der Kindermädchen

Frauen können nur aufsteigen, weil es andere Frauen gibt, die ihre Arbeit machen: Kindermädchen, Haushaltshilfen, Pflegerinnen und Putzkräfte. Doch auch die brauchen Hilfe. Um die Abwärtsspirale zu durchbrechen, braucht es nicht nur Männer am Herd, sondern ein neues Arbeitsmodell. Ein Essay.

I. Meine Mutter

Eines Tages, es war der Herbst 2001, war meine Mutter so kaputt, dass sie einschlief und tagelang nicht mehr aus dem Bett kam. Frühmorgens, als noch nicht einmal die Vögel zwitscherten, hatte sie in der Bäckerei ausgeholfen. Danach hatte sie zehn Stunden am Fließband einer Gurkenfabrik schlechte Gurken aussortiert. Dafür gab es am Ende des Tages 85 Mark. Sie erinnert sich genau, denn es war das Geld, mit dem sie und mein Vater sich Stück für Stück die Integration in eine Leistungsgesellschaft erkauften.

Als erstes gab es Bücher für die Kinder, dann einen gebrauchten Fiat Ulysse für Familienurlaube in Italien, schließlich sogar ein Haus mit Vorgarten. In Vietnam hatten meine Eltern nichts außer Zeit und Energie. In Deutschland, wo sie seit zehn Jahren lebten, gingen sie mit ihrer Zeit und ihrer Energie ans Limit. Meine Mutter tat dies mehr als mein Vater, denn sie kümmerte sich auch noch um uns Kinder und den Haushalt.

Ich sehe die Geschichte meiner Mutter als ein Sinnbild auf das Leben einer modernen Frau. Die moderne Frau kann auch beruflich das Schicksal ihrer Familie in die Hand nehmen, denn ihre Perspektiven gehen heute weit über den eigenen Haushalt hinaus. Mit der neoliberalen Wende der Siebzigerjahre ist aus dem „Kann“ jedoch ein „Muss“ geworden.

Wer nicht bis zur Erschöpfung arbeitet und Karriere macht, gilt als Versagerin. In Deutschland hat sich dieses Denk- muster nach dem Mauerfall verbreitet, als die Konkurrenz zwischen Ost und West, zwischen Sozialismus und Kapitalismus endete. Die Systemfrage war fortan kein großes Thema mehr, entscheidender wurde das „Wie“. Im Jahr 2003 hieß es in der Regierungserklärung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder: „Wir werden die Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von den Einzelnen fordern müssen.“

Der Leistungsdruck kam nicht nur von oben. Niemand hat meine Mutter gezwungen, so viel zu arbeiten. Niemand zwingt moderne Frauen, so viel zu arbeiten. Vielmehr treibt sie der Wunsch nach Selbstverwirklichung und die Angst vor dem sozialen Absturz an, wie er gerne im Privatfernsehen gezeigt wird. Es hat sich der Glaube durchgesetzt, dass Arbeit an sich gut ist – und dass Arbeit gleich Geld und damit Teilhabe bedeutet. Sehr-beschäftigt-Sein gilt als Tugend, und die Belege für die Tugend sind käuflich. Was wir essen und welche Wohnviertel wir uns leisten, das zeigt, für wen wir uns halten und mit wem wir es zu tun haben wollen.

II. Die Karrierefrau

Den Druck haben insbesondere Mädchen verinnerlicht, denn mit ihren Chancen wuchsen die Ansprüche an sie. Noch früher als Jungs lernen sie, welche Attribute sie für den Aufstieg brauchen. Ihre Träume entnehmen sie den schillernden Massenmedien. In seiner „Dialektik der Aufklärung“ schrieb Theodor W. Adorno: „Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann.“ Werbeplakate, Zeitschriften und Fernsehsendungen vermitteln Idealbilder und liefern dazu gleich die passenden Produkte: Cremes und Puder für das perfekte Gesicht, Dating-Apps für den perfekten Partner, Küchengeräte für den perfekten Kochabend. Frauen können und sollen schöner leben, besser essen, erfolgreicher flirten.

Mit diesem Wissen wachsen Mädchen früh in die Rolle der Karrierefrau hinein. Die typische Karrierefrau ist nämlich schöner, besser und erfolgreicher. Der Zeitgeist drückt sich in Form einer Steigerung aus. Die Steigerung lebt aber vom Vergleich, der jede Person zu immer mehr Leistung anspornt. Keiner will beim Vergleich auf der Verlierer-Seite landen, der Seite der weniger Schönen und weniger Erfolgreichen. Die Karrierefrau kann alles haben, wenn sie sich nur genug anstrengt. Das ist das Versprechen des Kapitalismus. Wer immer mehr will, muss aber auch immer mehr tun. Die To-do-Liste der Karrierefrau von heute ist lang: Haushalt, Kinder, Job, ein „Instagram“-reifes Leben. Die Ansprüche wachsen, und sie wachsen schneller als die Ressourcen. Es fehlt an Zeit und Energie.

Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass Frauen mit durchschnittlich 45,5 Wochenstunden eine Stunde mehr arbeiten als Männer – sofern man die unbezahlte Hausarbeit dazurechnet. Entscheidend ist aber nicht die eine Stunde, sondern die Zusammensetzung der Stunden. Während Männer in ihrer Arbeitszeit dem Traum des Leistungsträgers nacheifern können, sind zwei Drittel der Arbeitszeit von Frauen unbezahlte „Care“-Arbeit. Dazu gehören Erziehung, Bildung, Gesundheit und Pflege.

Um diese geschlechterspezifische Ungleichheit zu kompensieren, holen sich viele Frauen Hilfe von außen. In der Regel sind das andere Frauen: Kindermädchen, Haushaltshilfen, Pflegerinnen und Putzkräfte.

III. Die Helferin

Der Bedarf an Care-Arbeit ist enorm und kann längst nicht mehr allein in Deutschland gedeckt werden. Schließlich hat der gesteigerte Bedarf an Care-Arbeit nie dazu geführt, dass sie besser bezahlt wird. So wäre sie auch für Männer oder generell für Deutsche attraktiver. Im Gegenteil wird Care-Arbeit überall auf der Welt für wenig oder gar kein Geld gemacht. Außerdem wird sie nach wie vor in der Mehrheit von Frauen gemacht. Nur wenige sind bereit, Männern die Kinderbetreuung, Haushaltspflege oder Altenpflege zu überlassen.

In vielen Bereichen wird der Bedarf an Helferinnen daher mit Migrantinnen oder eigens angeworbenen ausländischen Fachkräften ausgeglichen. Zum Beispiel klagen Vermittlungsagenturen für Kinderbetreuung, dass das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage zunehmend auseinanderklafft. Weil ein gutes Deutsch für die Erziehung besonders wichtig ist, sind die neuen Kindermädchen und Tagesmütter oft Frauen, die zwar aus ärmeren Teilen Europas wie Polen oder Kroatien stammen, aber schon länger in Deutschland leben. Seit der Wirtschaftskrise kamen auch Frauen aus Spanien hinzu. Für wenig Geld füttern, schaukeln und besingen sie die Kinder der Karrierefrauen.

Begehrt sind auch Au-pairs, also junge ausländische Frauen, die für eine begrenzte Zeit bei einer Familie leben. Sie lernen bei der Gastfamilie die deutsche Sprache und Kultur kennen und helfen im Gegenzug im Haushalt oder bei der Kinderpflege. Viele Agenturen vermitteln aus Prinzip nur Mädchen für diesen Job, obwohl das theoretisch auch Jungs machen können. Allerdings wünschen sich die meisten Familien ausdrücklich keine männlichen Au-pairs.

Ebenso aus der ganzen Welt kommen Pflegerinnen, manche sogar außerhalb der EU. Weil der Mangel so groß ist, wirbt die Bundesregierung seit einigen Jahren um Pflegerinnen und Pfleger aus den Philippinen, Tunesien, Serbien, Bosnien und Vietnam.

IV. Die Helfershelferin

Wenn aber eine Philippinin ihre eigene Familie verlässt und sich in Deutschland um eine andere Familie kümmert, dann hinterlässt sie zu Hause eine Lücke. Um diese zu füllen, braucht sie fortan selbst eine Helferin. Zu solchen Helfershelferinnen werden in der Regel die Schwächsten: Großmütter, die in der Heimat zurückgeblieben sind, jüngere Schwestern, arbeitslose Bekannte. Die Helfershelferinnen gehen meist leer aus, weil bereits die Helferin nur schlecht bezahlt wird – oder sogar hoch verschuldet ist. Oft ziehen Helferinnen wegen ihrer Schulden ins Ausland. Andere machen Schulden, um ins Ausland zu gehen. Das Ergebnis ist dasselbe: Die Helfershelferin, das letzte Glied der Kette, bleibt arm. Auf diese Weise hat sich ein globales System aus Abhängigkeiten entwickelt. Die Frauen und zum Teil auch Männer der ärmeren Länder zahlen den Preis für den Aufstieg der deutschen Frauen.

Dabei muss man nicht in entlegene Dörfer außerhalb Europas blicken, um solche Abhängigkeiten zu erkennen. Auch innerhalb Deutschlands wird die Verantwortung der Care-Arbeit weitergegeben. Wenn beide Elternteile in Vollzeit arbeiten oder genug Geld haben, stellen sie gerne ein Kindermädchen ein. Wenn das Kindermädchen selbst Kinder hat, muss bei ihr jemand anderes aushelfen, zum Beispiel Großeltern, Freundinnen oder Schwestern.

Weil man sich nahesteht, gibt es dafür allenfalls eine kleine Entschädigung – oder gar kein Geld. Unter Wohlhabenden mag es eine ehrenvolle Aufgabe sein, mal das Kind zu übernehmen. In sozial schwachen Milieus hingegen sind die Kindermädchen der Kindermädchen manchmal darauf angewiesen, um überhaupt etwas zu verdienen.

Auch das ist im Grunde ein System aus Abhängigkeiten, welches nur funktionieren kann, weil Care-Arbeit derzeit nach sexistischen, rassistischen und klassistischen Merkmalen verteilt wird.

V. Revolution

Um das System zu durchbrechen, haben Frauenrechtlerinnen verschiedene Lösungen entwickelt. Auch Männer müssen an den Herd, das ist eine der ältesten und bekanntesten Forderungen. Eine echte Lösung ist das aber nicht. Wenn Männer und Frauen die Lohn- und Care-Arbeit gleichmäßig untereinander aufteilen, macht zwar jeder unbezahlte Arbeit. Es bleibt aber das Problem, dass für die Care-Arbeit neben der Karriere kaum Zeit ist. In der Nachkriegszeit genügte meist das Gehalt eines Elternteils, um die Familie zu ernähren. Heute braucht es dafür oft zwei Vollzeitjobs. Hinzu kommt, dass auch die Care-Arbeit mehr Zeit einnimmt als früher. Menschen werden älter und brauchen mehr Pflege, die Erziehung wird anspruchsvoller. Jeder muss täglich spürbar mehr Zeit für Lohn- und Care-Arbeit au ringen.

Eine bessere Lösung könnte die von vielen Feministinnen beschworene „Care Revolution“ sein. Der Begriff wurde in den Nullerjahren von der Hamburger Arbeitssoziologin Gabriele Winker geprägt und durch die Blockupy-Proteste in Frankfurt erstmals einem größeren Publikum bekannt gemacht. Heute sammelt sich unter dem Begriff ein bundesweites Netzwerk aus mehr als 70 Initiativen. Sie prangern die Lücken in der staatlichen Daseinsvorsorge an, kämpfen für Kitaplätze und faire Löhne. Damit geht ihre Forderung über den Ruf nach Männern am Herd hinaus: Es ist der Staat, der helfen soll. Schließlich sei es im Interesse der gesamten Gesellschaft, wenn die nächste Generation von Eltern großgezogen würde, die sich Zeit nehmen können – und wenn Alte und Kranke würdevoll gepflegt würden.

Derzeit wälzt der Staat aber die Verantwortung ab. Das Statistische Bundesamt beziffert den Wert der „nicht entgeltlichen Reproduktion“ im Jahr 2013 auf 826 Milliarden Euro. So viel sind Kochen, Putzen und Windelwechseln offenbar wert. Zum Vergleich: Durch klassische Lohnarbeit wurden im selben Jahr gerade mal 780 Milliarden Euro netto erwirtschaftet. Nach wie vor gilt also der Spruch der Feministin Silvia Federici aus den Siebzigerjahren: „Sie nennen es Liebe. Wir nennen es unbezahlte Arbeit.“ Care-Arbeit hält die Gesellschaft zusammen und bildet die Grundlage für jede andere Wirtschaftsform. Es liegt auf der Hand, dass man zum Beispiel Straßen und Autobahnen für viel Geld instand halten muss, sonst zerbröckelt die Infrastruktur. Das gleiche gilt aber auch für Gesundheit und Bildung – ohne Investitionen wird die Gesellschaft marode. Care-Arbeit, egal ob von Karrierefrauen, Helferinnen oder Helfershelferinnen, muss der Gesellschaft mehr Geld wert sein.

Das langfristige Ziel muss jedoch ein neues Arbeitsmodell sein. Auch hierfür haben Care-Revolutionärinnen konkrete Visionen. Sie wollen eine solidarische Gesellschaft, die sich nicht auf Profitmaximierung konzentriert, sondern auf menschliche Bedürfnisse und die Sorge füreinander. Lohnarbeit soll abgewertet und Care-Arbeit aufgewertet werden.

Solche Gedanken sind aus der Nachhaltigkeitsbewegung bekannt. Vertreter einer „Postwachstums-“ oder „Gemeinwohlökonomie“ wollen schon länger die Lohnarbeit zeitlich verringern. Der Oldenburger Volkswirt Niko Paech wirbt zum Beispiel für eine kombinierte Versorgung aus 20 Stunden Lohnarbeit und 20 Stunden unbezahlter

Arbeit für die Gesellschaft. Darunter würde auch die Care-Arbeit für die eigene Familie fallen. Einen Schritt in diese Richtung machte Familienministerin Manuela Schwesig Anfang 2014. Sie forderte die 32-Stunden-Woche für Familien. Ihr Vorschlag wurde jedoch vom Regierungssprecher Steffen Seibert als „persönlicher Debattenbeitrag“ ausgebremst und seitdem nicht mehr aufgegriffen.

Von oben allein werden sich solche neuen Lebens- und Arbeitsformen aber nicht durchsetzen lassen. Auch die Arbeitslust der modernen Karrierefrau kam nicht nur von oben, sondern von den Leuten selbst.

Der Staat kann und soll nur die Rahmenbedingungen für eine neue Form von Lohn- und Care-Arbeit schaffen. Der Wunsch, ein gutes Leben auf neuen Wegen zu verwirklichen, kann nur von den Frauen und Männern selbst ausgehen.

Vielleicht hätte meine Mutter trotz der 32-Stunden- Woche 14 Stunden am Tag gearbeitet. Schließlich ist sie nach ihrem tagelangen Schlaf wieder aus dem Bett gekommen und macht bis heute mehr oder weniger so weiter. Da- für, sagt sie, kann sie abends in ihren eigenen vier Wänden sitzen und lacht über die Zeit, als sie noch nicht mal genug Essen im Bauch hatte. Essen, ein Dach über dem Kopf – wenn sie wieder erschöpft im Bett verschwindet, wünschte ich ihr, dass sie dieses Leben auch auf einem anderen Weg erreicht hätte.

Foto: Pixabay (CC0 1.0)

Hier gibt es das ganze Buch: „Because it’s 2016“ – Ein Projekt der Vodafone Stiftung in Kooperation mit der Deutschen Journalistenschule.

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Vanessa Vu
1991 in Niederbayern geboren, im Internet aufgewachsen, danach rastlos in der Welt herumgeirrt und sieben Sprachen gelernt. Jetzt also Journalismus in München, u.a. bei Der Kontext und siekommen.org. Twittert als @_vanessavu.

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