Was Netzfeministin Laurie Penny von „Harry Potter“ lernte

Laurie Penny auf der Republica 2016

Fanfiction über Harry Potter und Captain Kirk kann die Welt verändern – das glaubt zumindest Netzfeministin Laurie Penny. Wie und warum erzählte sie auf der Republica 2016.

Schüchtern betritt die zierliche Netzaktivistin, Buchautorin und selbsternannter Genderpunk die Bühne auf der Internetmesse Republica. Aus dem Publikum schnellen pinke Pompoms in die Luft. Sie sagt: „Ich bin keine Fee, aber wir sollten nett zu Feen sein. Wir sind nicht nett genug zu Feen.“ Das Publikum kichert verliebt.

Laurie Penny ist eine Art Popstar des linken Feminismus, vor allem in Deutschland. Hier spricht und liest sie auch in kleinen Städten vor vollen Zuschauerreihen, wird auf der Straße angehalten und fotografiert. In ihrer britischen Heimat dagegen gab sie zu ihrem letzten Buch nur eine Lesung.

Eigentlich ist es auch banal, wofür ihre fast 130.000 Twitter-Follower sie lieben: Laurie Penny erzählt Geschichten. Die Geschichten sind nicht neu und stammen zum Teil nicht mal von ihr selbst. Aber in ihrer Radikalität und vor so großem Publikum sind sie sensationell. So handelt ihr Vortrag auf der Republica auch vom Geschichtenerzählen – oder vielmehr vom Geschichtenverändern.

Kirk und Spock als Fanfiction-Helden

„Die kollektive Vorstellungskraft versucht, sich ein Bild von der Realität zu machen. Aber meistens liegt sie falsch“, sagt Penny. Seit englische Literatur eine akademische Disziplin sei, hätten sich ganz bestimmte Erzählweisen durchgesetzt. Es gebe einen Literaturkanon, der im Wesentlichen aus Heldengeschichten mit männlichen, heterosexuellen Protagonisten bestehe, und der in seinen Grundzügen bis heute gültig sei. Nur Jane Austen sei eine Ausnahme.

„Aber in den frühen Monaten des Jahres 1977 hat sich die Literaturgeschichte verändert“, sagt Penny. „Desert Heat wurde veröffentlicht.“ Ihre Augen leuchten. „Desert Heat“ ist eines der frühesten und beliebtesten Fanfiction-Stücke. Es erzählt von einer homoerotische Begegnung zwischen den „Star Trek“-Figuren Captain Kirk und Mister Spock. „Die Fans haben verstanden, dass da etwas war. Dass die beiden mehr als Freunde waren. Aber das konnte man im Fernsehen nicht zeigen“, glaubt Penny.

Mit „Desert Heat“ haben Leser und Zuschauer die Geschichten selbst in die Hand genommen, wie Penny erzählt. Sie haben Logikfehler ausgebessert, parallele Handlungen und alternative Enden entwickelt. Die neuen Geschichten wurden unter Fans geteilt und diskutiert. „Fanfiction war in dieser Hinsicht dem Internet voraus“, sagt Penny. Schließlich war es aber doch das Netz, in dem das Genre groß wurde. 1998 gründete sich die Plattform fanfiction.net. Heute hat sie weltweit über zwei Millionen registrierte Nutzer.

Ein weibliches Genre

Penny selbst kam über zwei Idole zur Fanfiction: Buffy und Harry Potter. „Harry Potter war so wichtig für mich“, erzählt die Autorin. „Ich war damals zehn, und den ersten Band habe ich am Abend vor meinem elften Geburtstag gelesen. Die ganze Nacht saß ich da und habe auf meinen Brief von Hogwarts gewartet.“ Als das Publikum seufzt, entgegnet Penny: „Ich weiß, ich weiß. Aber auf gewisse Weise kam er ja.“ Sie strahlt. „Ich setzte mich später vor unseren Familiencomputer und fand diese Fanfiction-Welt. Die Leute wollten nicht nur diese eine Geschichte von Harry Potter lesen. Sie wollten es ein bisschen gefährlicher, ein bisschen sexier.“

Solche Anekdoten zeigen, wie elegant Penny akademische, biografische und literarische Gedanken verweben kann. Dabei unterhält sie sich mit ihrem Publikum – fragt etwa, wer Literatur studiert hat (ein Drittel) und wer ihre Insider-Witze versteht (um sie dann allen anderen zu erklären). Sie verknüpft ihren Vortrag mal mit britischer Kolonialgeschichte, mal mit Erzähltheorie, mal mit Feminismus.

„Das Interessante ist, dass Fanfiction ein vor allem weiblich und jung besetztes Genre ist“, sagt Penny. „Mädchen haben schon immer mehr gelesen und waren frustriert, dass es keine Geschichten gab, die sie wiederspiegelten.“ Dabei gehe es nicht darum, die Originale zu verbessern: Fanfiction sei vielmehr ein Zusatz, eine neue Lesart. Weil die Fans nicht genug bekämen, änderten sie Geschlecht, Sexualität und Herkunft ihrer Lieblingsfiguren. „Das ist alles, was man heutzutage braucht, um radikale Geschichten zu schreiben und das halbe Internet gegen sich aufzubringen“, fasst Penny zusammen.

Drachen: Ja. Schwarze Heldinnen: Nein.

Kritiker gebe es, seit des Fanfiction gibt. Besonders groß sei der Widerstand, wenn Fanfiction den Sprung in die analoge Welt schafft. Kürzlich sorgte zum Beispiel eine Harry Potter-Weiterentwicklung für Aufruhr: Im Musical „The Cursed Child“ ist „Harry Potter“-Heldin Hermine nicht weiß, sondern schwarz. „Man würde nicht glauben, dass das eine große Sache war“, sagt Penny, „aber das Internet ist durchgedreht. Ist es nicht lustig, dass sich so viele Menschen Drachen, Vielsafttränke und Todesser vorstellen können, aber keine schwarze Hermine?“

Fanfiction fordert Penny zufolge traditionelle Erzählweisen heraus – und schafft dabei neue und bessere Geschichten. Das ist mehr als Unterhaltung: „Erzählungen retten uns vor Verzweiflung und zeigen uns, wie wir gut zueinander sind“, sagt Penny. „Sie lassen uns atmen und kämpfen und träumen und streiken. Sie sind die tragenden Elemente jeder Gesellschaft seit der Steinzeit. Kurzum: Geschichten sind  das Wichtigste der Welt.“

„Du kannst nur werden, was du dir vorstellen kannst“

Einige Leser macht Fanfiction aber wütend. Sie haben sich mit ihren Lieblingsfiguren identifiziert und Angst, sie durch Fanfiction zu verlieren. Sie fühlen sich benachteiligt, obwohl eine schwarze Hermine oder ein schwuler Captain Kirk für Gleichberechtigung stehen.

„Wenn du dir gewohnt bist, dich in jeder Geschichte repräsentiert zu sehen und dich als den Helden in jeder Geschichte vorstellst, dann erscheint Gleichberechtigung wie Benachteiligung“, sagt Penny. Das Dilemma gebe es in vielen Diskursen rund um soziale Gerechtigkeit, „aber insbesondere in der Literatur, weil Geschichten so intim und bedeutend für viele Leute sind.“

Fanfiction schafft Penny zufolge aber neue Vorbilder und macht denkbar, was für viele vorher undenkbar war. Genau deswegen hätten sie das Potenzial, die Welt zu verändern. „Du kannst nur werden, was du dir vorstellen kannst“, sagt sie abschließend. Und: „Die Welt zu verändern ist nicht einfach. Es braucht Mut. Das habe ich von Harry Potter gelernt.“

Foto: re:publica/Jan Zappner (CC BY 2.0)

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Vanessa Vu
1991 in Niederbayern geboren, im Internet aufgewachsen, danach rastlos in der Welt herumgeirrt und sieben Sprachen gelernt. Jetzt also Journalismus in München, u.a. bei Der Kontext und siekommen.org. Twittert als @_vanessavu.

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